Schwul im Vatikan

Nicht erst seit den aktuellen Äußerungen von Papst Franziskus zur Homo-Ehe wird in der katholischen Kirche kontrovers über Homosexualität diskutiert. Der französische Journalist Frédéric Martel beschreibt in seinem Buch die Doppelmoral im Vatikan.

Bild: Papst Franziskus von hinten
Papst Franziskus zeigt sich offen für homosexuelle Lebenspartnerschaften. // Foto: Nacho Arteaga / Unsplash

Papst Franziskus hat sich in der vergangenen Woche positiv zu eingetragenen Lebenspartnerschaften von Schwulen und Lesben geäußert und damit vermutlich ein neues Kapitel im Verhältnis der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen eingeleitet. Das dürfte auch im Vatikan mit Interesse verfolgt worden sein, denn dort sind viele Angehörige des Kirchenstaats selbst homosexuell, wie Frédéric Martel in seinem Buch „Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“ berichtet.

 

Bild: Buchcover "Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan"

Es ist eine fesselnde Reportage aus dem Innersten des Vatikans: Der französische Journalist Frédéric Martel beschreibt, wie katholische Priester, Kardinäle und Bischöfe die rigide, homophobe Sexualmoral verteidigen, obwohl die meisten von ihnen selbst homosexuell sind. Warum diese Doppelmoral? Warum wird so hartnäckig geschwiegen, warum wird gegen Papst Franziskus intrigiert, den ersten Papst, der homophobe Positionen lockern will? Martels Urteil: Dahinter steckt ein weltweiter Machtzirkel homosexueller Priester und Würdenträger, die sich selbst als die „Gemeinde“ bezeichnen. Sie verhindern jede Liberalisierung, um ihr Doppelleben zu schützen: Ob es um Kondome geht, um die gleichgeschlechtliche Ehe oder die wichtigste Bastion: das Zölibat. Auch das Schweigen über sexuellen Missbrauch ist Teil dieses Systems.


Frédéric Martel, geboren 1967, ist Journalist und Soziologe und selbst homosexuell. Er ist katholisch, steht aber der Kirche nicht besonders nah. Er hat vier Jahre recherchiert, 1.500 Informanten befragt, darunter 41 Kardinäle und 52 Bischöfe. Sein Motiv, dieses Buch zu schreiben, war der Wunsch, das System von Schweigen und Doppelmoral aufzubrechen und den Vatikan zu „outen“. Ganz in der Tradition des investigativen Journalismus – aufdecken, aufklären, verändern.


Mit dem Buch „Sodom“ wird die Geschichte des Vatikans seit den 1970er Jahren neu geschrieben. Frédéric Martel zeigt die Pontifikate von Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus in gänzlich anderem Licht. Grandios geschrieben, hautnah, spannend wie ein Roman über Macht und Intrigen im Vatikan.


Auch oder gerade nach den aktuellen Aussagen von Papst Franziskus zu eingetragenen Lebenspartnerschaften von Homosexuellen ist Frédéric Martels „Sodom“ ein wichtiges und lesenswertes Buch.

 

Frédéric Martel
Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan
Originalsprache: Französisch
Übersetzt von: Katja Hald, Elsbeth Ranke, Eva Scharenberg, Anne Thomas
672 Seiten, gebunden
Verlag S. FISCHER
ISBN: 978-3-10-397483-6

 

Text: Oliver Erdmann | Quelle: S. FISCHER