Am vergangenen Samstag hat das Ballett am Rhein den Klassiker „Dornröschen“ in einer Neuinszenierung von Bridget Breiner uraufgeführt. Der Düsseldorfer Chefchoreografin ist ein großer Wurf gelungen. Das Premierenpublikum war schier begeistert.

Der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky erhielt im Jahr 1888 den Kompositionsauftrag für „Dornröschen“. Es war erst sein zweites Ballett und seine erste Zusammenarbeit mit dem berühmten französischen Choreografen Marius Petipa. Die beiden arbeiteten eng zusammen und kreierten ein auf dem Märchen von Charles Perrault basierendes Tanzstück, das im Januar 1890 in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde. Heute ist es eines der populärsten Ballette und gehört zum internationalen Standardrepertoire des klassischen Balletts.
Beim interessierten Publikum löst schon der Name „Dornröschen“ einen derartigen Reflex aus, dass alle zehn Aufführungen im Düsseldorfer Opernhaus im Nu ausverkauft waren. Und dass, obwohl die Zuschauer*innen gar nicht wissen konnten, was sie erwartet, schließlich war „Dornröschen“ als „Ballettklassiker im neuen Gewand“ angekündigt – in einer Neuinszenierung von Bridget Breiner, die mit dem Stück auch erst in ihre zweite Spielzeit als Chefchoreografin in Düsseldorf/Duisburg startet und hiermit ihr erstes abendfüllendes Werk fürs Ballett am Rhein kreiert hat.

Um es vorwegzunehmen: Niemand wird enttäuscht werden. Im Gegenteil. Denn schon die Musik ist es wert, den Ballettabend zu besuchen. Tschaikowskys „Dornröschen“ ist üppig-romantisch und voller eingängiger Melodien – mal zart-lyrisch, mal dramatisch. Besonders der berühmte Walzer der Aurora besticht durch elegante Leichtigkeit und glänzende Orchestrierung. Die Musik wirkt wie ein märchenhafter Klangteppich, der zwischen Verspieltheit und majestätischer Wucht wechselt. Die Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Yura Yang spielen das alles ganz großartig.
Bridget Breiner hat für ihre Neuinszenierung die Erzählung der Gebrüder Grimm ausgewählt und gekonnt weiterentwickelt. Gemeinsam mit dem Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Franz Kirner bringt sie ein getanztes Märchen auf die Bühne, das tatsächlich ganz ohne Worte auskommt. Wer das Märchen kennt, entdeckt Vieles wieder. Empfehlenswert ist allerdings, sich die Einführung vor Beginn der Vorstellungen anzuhören oder die Zusammenfassung im Programmheft durchzulesen. Dann klappt das Nachvollziehen der Handlung ohne Probleme, auch wenn sich die Geschichte in all ihren Einzelheiten zunächst sehr komplex darstellt. Bei anderen Handlungsballetten kann man daran oft verzweifeln. Hier aber nicht.

Bridget Breiners Version beginnt mit einem Erzähler, der einen kleinen Jungen in die Welt des Märchens Dornröschen einführt. Ein Königspaar wird nach langer Kinderlosigkeit mit einer Tochter beschenkt. Zur Taufe der kleinen Aurora laden sie zwölf weise Frauen ein – doch die dreizehnte, die böse Fee Carabosse, erscheint ungebeten und verflucht das Kind: Mit fünfzehn soll es sich an einer Spindel stechen und tot umfallen.
Der kleine Junge kann nicht begreifen, wie Carabosse so böse sein kann – hat sie denn selbst keine Kinder? Der Erzähler greift daraufhin in die Geschichte ein und versetzt den Jungen als Carabosses Sohn Désiré in das Märchen. Aurora und Désiré wachsen getrennt voneinander auf und begegnen sich erst an Auroras schicksalhaftem fünfzehnten Geburtstag. Eine alte Frau, die sich später als Carabosse zu erkennen gibt, zeigt Aurora ein Spinnrad, an dem sich die junge Frau – wie prophezeit – in den Finger sticht. Désiré ist entsetzt über das Tun seiner Mutter. Die gute Fee Fliederchen mildert den Fluch ab: Statt zu sterben, fällt Dornröschen in einen hundertjährigen Schlaf, zusammen mit Désiré und dem ganzen Schloss, das von einer undurchdringlichen Dornenhecke umwuchert wird.

„Held gesucht“ heißt es im zweiten Akt nach der Pause. Fliederchens Suche bleibt jedoch erfolglos. Keinem Helden mit noch so großen Waffen gelingt es, die Dornenhecke zu überwinden und Dornröschen zu erwecken. Der Erzähler greift nun ein weiteres Mal in die Handlung ein und erweckt den schlafenden Désiré, der sich – von der Tat seiner Mutter Carabosse abgeschreckt – von ihr lossagt. Fliederchen glaubt, in Désiré den wahren Helden gefunden zu haben, doch der kann oder will die Erwartungen nicht erfüllen. Dann sind die hundert Jahre vorbei, das Klingeln eines Weckers holt Aurora aus ihrem Schlaf. Doch auch jetzt macht es zwischen der Königstochter und ihrem vermeintlichen Helden noch nicht klick.
Nun nimmt auch Breiners Ballett eine Wendung. Aurora wurde nicht durch den Kuss eines Prinzen erlöst, das Happy End ist noch fern. In einer albtraumhaften Szene wird Aurora konfrontiert mit Sequenzen aus anderen Märchen, praktisch mit alternativen Realitäten. Sie steht in ihrem Traum erneut Carabosse gegenüber, und ihre eigenen Eltern erscheinen ihr plötzlich in einem ganz anderen Licht. Das alles ist in dem ursprünglichen Ballett so nicht vorgesehen, weshalb in dieser Szene Tschaikowskys Musik durch eine Neukomposition des Briten Tom Smith ergänzt wird, der diesen aufrührenden Part musikalisch ganz wunderbar hinterlegt. Zum Schluss finden Aurora und Désiré – jenseits der Erwartungen von Familie und Hofgesellschaft – doch noch zueinander. Und dann gibt es ihn doch noch, den erlösenden Kuss.

Das Premierenpublikum am 15. Oktober 2025 ist hin und weg von Bridget Breiners neuem „Dornröschen“. Schon zwischen den einzelnen Szenen wird viel applaudiert, doch am Ende gibt es Bravorufe und stehende Ovationen. Die Tänzer*innen des Balletts am Rhein sind die Stars des Abends, das Ensemble ist in Höchstform. In den Hauptrollen begeistern Chiara Scarrone und Lucas Erni als Aurora und Désiré, ihre Pas des Deux sind einfach wundervoll. Orazio Di Bella und Balkiya Zhanburchinova beweisen als König und Königin sowohl tänzerisch als auch schauspielerisch großes Talent. Hervorragend sind auch die Leistungen von Alejandro Azorin als Erzähler und Sophie Martin als Carabosse. Bezaubernd ist das Fliederchen, Elisabeth Vincenti. Und Yoav Bosidan, Skyler Maxey-Wert und Dukin Seo bringen als die drei Kerle – Kurz, Rund und Lang – viel Witz und Sprungkraft mit ein. Der Junge wird gespielt von Jonas Klöcker, und die junge Aurora ist Matilda Staigis.
Wer keine Eintrittskarte für eine der weiteren neun Vorstellungen ergattern konnte und auch bei den Restkarten an der Abendkasse leer ausgeht, darf bestimmt darauf hoffen, dass Bridget Breiners „Dornröschen“ in einer der nächsten Spielzeiten wiederaufgenommen wird. Wenn nicht dieses Ballett, welches dann?

Weitere Aufführungen im Opernhaus Düsseldorf: Do 20.11.2025 (19:30 - 21:45), Sa 29.11.2025 (19:30 - 21:45), Do 11.12.2025 (11:00 - 13:15), So 14.12.2025 (14:00 - 16:15), So 14.12.2025 (18:30 - 20:45), Sa 20.12.2025 (19:30 - 21:45), Do 25.12.2025 (18:30 - 20:45), Di 30.12.2025 (19:30 - 21:45), Fr 02.01.2026 (19:30 - 21:45)
Infos: www.operamrhein.de
Text: Oliver Erdmann
