Queer Joy for everyone!

Effi Biest ist Düsseldorfs bekannteste Dragqueen. Am hiesigen Schauspielhaus hat sie ihre beeindruckende Handschrift hinterlassen: mit eigenen Bühnenshows, dem Wettbewerb "Drag Star NRW" und nun zum zweiten Mal mit dem "Queer Art Festival".

Eine Person mit buntem, rainbow-farbenem Haar und auffälligem Make-up trägt ein blaues, glitzerndes Kleid und posiert mit einer Handgeste vor einem neutralen Hintergrund.
Effi Biest // Foto: Thomas Rabsch

Das Festival "Queer Art meets Britney X" liegt nun schon ein paar Wochen hinter uns. Mitte Mai 2026 herrschte im Düsseldorfer Schauspielhaus vier Tage lang im besten Sinne queerer Ausnahmezustand. Was ist dein Resümee?

 

Queer Joy for everyone! Scherz beiseite: Ich bin auch einige Wochen nach dem Festival immer noch beflügelt. Es waren vier wundervolle Tage – nicht nur mit einem diversen Programm, sondern auch einem diversen Publikum. Von bekannten Gesichtern der queeren Community über das klassische Theaterpublikum bis zu Neulingen, die vorher noch nie im Düsseldorfer Schauspielhaus waren. Das Festival hat gezeigt, dass queere Kunst ganz verschiedene Menschen anspricht, dass sie die Schwellen des Theaters senken kann und dass sie auf die große Bühne gehört.

 

Eine Gruppe von Personen in aufwendigen, fantasievollen Kostümen und Abendroben posiert gemeinsam auf einer Bühne. Die Outfits reichen von glitzernden Roben über theatralische Kostüme bis hin zu futuristischen und mystischen Designs.
Die vierte Ausgabe des Drag Star NRW fand in diesem Jahr im Rahmen des "Queer Art meets Britney X"-Festivals auf der großen Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses statt. // Foto: Melanie Zanin

Was waren deine Highlights im diesjährigen Festivalprogramm?

 

Frage nie eine Kuratorin, was ihre Highlights waren – denn sie muss ganz ehrlich antworten: Eigentlich alles! Wenn ich aber etwas nennen muss, dann wäre es das Festivalzentrum. Dieses bildete eine Verbindung zwischen den einzelnen Veranstaltungen. Nicht nur als Foyer und Einlassort, sondern vor allem mit dem Community-Market, Paneltalks, künstlerischen Impulsen und Raum-Installationen. Zum Beispiel hat die Künstlerin Julia Nitschke jeden Tag partizipative Formate in den Raum gebracht (vom „heated rivalry“-Pilates bis zur queeren Karaoke-Nacht) und so dem Publikum neue Begegnungen ermöglicht. Ich habe lange überlegt, was ein queeres Festival eigentlich queer macht und eigentlich war es genau das für mich: Einen Zwischenort zu bespielen und zum Highlight zu machen, Verbindungen zu suchen, safer und braver spaces zu kreieren.

 

Eine lebhafte Szene in einem großen, künstlerisch gestalteten Raum: Links sitzen Menschen an langen Tischen und essen gemeinsam, während rechts eine Gruppe stehend eine Performance oder Präsentation beobachtet. Im Vordergrund posiert eine Person.
Im Festivalzentrum "Aqueerium" fanden unter anderem der "Queer Brunch" des Queeren Zentrums Düsseldorf (Foto links: Melanie Zanin) und ein Voguing Ball (Foto rechts: Mimi Magic) statt.

Wie wählst du die Theaterstücke und Performances aus, die du ins Programm aufnimmst?

 

Das war ein sehr langer Prozess, in dem nicht nur künstlerische Qualität und Aussagekraft einfließt, sondern auch ein Wunsch nach Vielfalt aber natürlich auch die unsexy Frage nach der Umsetzbarkeit (mit einem sehr begrenzten Budget). Dieses Jahr hatte das Festival ein Motto: Unter dem Titel „hold me closer“ wollte ich queeren Beziehungen nachgehen, nicht nur zwischenmenschlichen, sondern auch der Beziehung queerer Menschen zur Welt, zur Community, zu ihrem Körper. Also habe ich Inszenierungen gesucht, die auf ganz unterschiedliche Weise dieses Thema anfassen. Ein Beispiel ist die Mannheimer Inszenierung „Miss Sara Jevo“. Ich wusste von Anfang an, dass ich einen Beitrag haben möchte, der sich um die Frage von Queerness und Herkunft dreht. Und Sandro Šutalo, Schauspieler am Mannheimer Nationaltheater, hat dies mit seiner Drag Persona wundervoll auf die Bühne gebracht.

 

Und zu solchen Gastspielen kamen natürlich die zahlreichen eigenen Beiträge vom Düsseldorfer Schauspielhaus, die sich durch das Programm zogen. Das hat mich sehr stolz gemacht: Dass ich an einem Theater arbeite, wo wir um queeres Programm zu machen, nicht nur Gastspiele einladen müssen, sondern ganz viel Eigenes bereits haben. Das Festival startete zum Beispiel mit einer Premiere von Ensemblemitglied Claudius Steffens, der die queere Kurzgeschichte „Bad Mexican Dog“ von Jonas Eika im Unterhaus inszeniert hat. Wir haben die letzte Vorstellung der wunderschönen Inszenierung „Die Märchen des Oscar Wildes…“ gefeiert und natürlich beliebte Formate wie das Sonnenstudio gezeigt.

 

Ein muskulöser Mann in dramatischer Pose mit geschlossenen Augen und nach hinten geneigtem Kopf vor dunklem Hintergrund.
Die Performance „A Pelo“ des spanischen Choreografen und Performers Fernando Troya war am 15. Mai 2026 im Kleinen Haus zu erleben. // Foto: Tim Mai Tan

Neben großartiger Unterhaltung und Empowerment sind dir politische Statements stets wichtig. Wie politisch war aus deiner Sicht das vergangene Festival?

 

Ich glaube, das Politischste an dem Festival war das Festival selbst! In einer Zeit, wo queere Lokalitäten reihenweise schließen, wo große Unternehmen ihre Teilnahme an CSDs absagen, wo die Kulturförderung immer weiter gekürzt wird, wo Rechte queeres Leben instrumentalisieren, war es ein Zeichen, dass die beiden größten Theater in NRW, das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Schauspiel Köln, sagen: Wir fördern und zeigen queere Kunst. Und das nicht nur einmalig: Die beiden Theater haben eine mindestens fünfjährige Kooperation geschlossen und sich verpflichtet abwechselnd ein queeres Festival zu machen.

 

Eine Person mit buntem, rainbow-farbenem Haar in einem blauen, gemusterten Kleid posiert selbstbewusst mit einer Hand an der Hüfte vor einem modernen Gebäude.
Effi Biest glänzt auf der Bühne nicht nur mit schillernden Outfits, sie setzt immer auch politische Akzente. // Foto: Thomas Rabsch

Im nächsten Jahr geht's mit "Britney X" am Schauspiel Köln weiter. Wie kam es zu der Kooperation?

 

Das „Britney X“ ist ein queer-feministisches Festival, das 2017 am Schauspiel Köln von den damaligen Regieassistent:innen gegründet wurde. Anfangs ein sehr klein, entwickelte es sich zunehmend zu einer lokalen Größe in den Kulturkalendern. Mit dem Intendantenwechsel letztes Jahr im Sommer sollte eigentlich auch das „Britney X“ enden. Nicht aus Boshaftigkeit des neuen Intendanten Kay Voges, sondern eher aus inhaltlicher Neuorientierung am Schauspiel Köln. Aber es gab, verständlicherweise, einen großen Aufschrei aus der Community. Es hieß, gerade in der heutigen Zeit wäre der Wegfall solch eines Festivals ein fatales Zeichen. Kurz darauf nahm ich den Kontakt mit dem Schauspiel Köln auf und wir kamen auf die Idee, das Festival jährlich abwechselnd an den Theatern stattfinden zu lassen. In diesen Gesprächen waren drei Intendanten beteiligt: Wilfried Schulz, der seit 2016 das D’haus leitet, Kay Voges und Andreas Karlaganis, Intendant in Düsseldorf ab Sommer 2026. Es hat mich wirklich berührt, mit wie viel Kooperationswillen und Tatendrang das Überleben eines queeren Festivals auf oberste Ebene entschieden wurde. Und somit findet vom 14. bis 16. Mai 2027 das „Britney X“ in Köln statt – ich freue mich schon sehr drauf. In Köln kuratiert das Festival Matthias Seier.

 

Zwei Personen mit blonden, lockigen Perücken in auffälligen Bühnenoutfits: Eine trägt ein blaues, glitzerndes Kleid mit Perlen, die andere ein schwarzes, freizügiges Outfit mit rot-weißen Akzenten. Beide posieren selbstbewusst auf einer Bühne.
Effi Biest (links) und die Gewinnerin des Drag Star NRW 2026, Aphrodite Vox. // Foto: Melanie Zanin

Was wird in 2027 der Düsseldorfer Beitrag in der Domstadt sein? Und wird es wieder einen "Drag Star NRW" am D'haus geben?

 

Das wissen wir natürlich noch nicht. Aber es gibt einige tolle, queere Inszenierungen in der nächsten Spielzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus. André Kaczmarczyk wird das Leben von Charlotte von Mahlsdorf auf die Bühne bringen, eine Ikone der LSBTQ*-Bewegung, jedoch nicht ganz ohne biographische Risse. Außerdem übernehmen wir aus Bern Kim de l’Horizons „Blutbuch“. Die bringt das neue Ensemblemitglied Lucia Kotikova gleichzeitig mit unfassbarer Energie wie großem Feingefühl alleine auf die Bühne. Etwas zu spät für das Festival (erst im Sommer 2027) folgt dann noch eine Inszenierung über Künstlerfigur und Shootingstar Klaus Nomi. Also es gibt einiges an Auswahl für Köln. Und ich sag mal so: Effi Biest stünde auch bereit.

 

Eine Podiumsdiskussion im Sonnenstudio California: Vier Personen sitzen auf der Bühne und unterhalten sich, während ein Publikum im Vordergrund zuhört. Im Hintergrund sind große Fenster mit grünen Pflanzen zu sehen.
Das lesbische D'haus-Talkformat von Liz Sonnen war auch beim Queer Art Festival 2026 vertreten. // Foto: Mimi Magic

Der scheidende Generalintendant Wilfried Schulz hat die queeren Akzente am D'haus offenbar gut gefördert. Welche Signale kommen von deinem neuen Chef Andreas Karlaganis?

 

Sehr gute! Drag&Biest und das Sonnenstudio gehen weiter, wie oben beschrieben, können wir uns auf viele queere Inszenierungen freuen. Und ich bin auch gespannt auf das neue Ensemble – ich habe das Gefühl, dass viele neue, spannende Perspektiven mit Karlaganis nach Düsseldorf kommen.

 

Eine Person in einem silbernen, gemusterten Kleid und pinken Handschuhen posiert lächelnd vor dem Eingang des 'Großes Haus' mit moderner Architektur und Abendbeleuchtung im Hintergrund.
Effi Biest vorm Düsseldorfer Schauspielhaus. // Foto: Eugen Shkolnikov Photograph

Wenn du dir für die Düsseldorfer Kulturszene etwas wünschen dürftest, was wäre das?

 

Ich finde ja, Düsseldorf hat eine unfassbar reiche und vielfältige Kulturszene und auch ein sehr begeisterungsfähiges, neugieriges Publikum. Tatsächliche habe ich das immer wieder bei dem Festival von den Künstler:innen von außerhalb gehört: Wie wohl sie sich mit dem Publikum und deren Resonanz gefühlt haben. Aber worum ich mir etwas sorgen mache, dass sind die kleinen Veranstaltungsorte. Queere Bars und Partys, kleine Drag-Shows und offene Bühne. Seit meinem Umzug nach Düsseldorf vor fünf Jahren, habe ich das Gefühl, dass viel weggebrochen ist. Aber auch, dass die Aufmerksamkeit der Menschen immer mehr Richtung großer Events geht anstatt auch mal kleine, undergroundige Veranstaltungen zu besuchen. Das ist eine große Gefahr und jede:r einzelne kann hier einlenken, sich informieren und neue Orte besuchen.

 

Aber ich habe sehr große Hoffnung, jetzt wo das Queere Zentrum Düsseldorf endlich einen festen Ort gefunden hat. Direkt am Worringer Platz hat die queere Community jetzt Räumlichkeiten, die auch jenseits von Profitabilität, genutzt werden können. Ich kann nur allen empfehlen, sich dort zu beteiligen und diese Chance zu nutzen. Auch dass die Divine Bar in Essen wieder geöffnet hat, ist sehr wichtig. Diese Bar ist ein NRW-weiter Hotspot für Drag-Kunst – da lohnt es sich absolut, auch mal die Regio zu nehmen. Und was ich am Schauspielhaus im Bereich Theater mache, startet meine Drag-Freundin Loreley Rivers jetzt in der Tonhalle: Ab der nächsten Spielzeit kuratiert sie das Format „Virtuosen-Varieté“ mit. Das wird spannend!

 

Also eigentlich haben wir alles, was wir brauchen. Wir brauchen nur die Menschen, die kommen und zeigen, dass sie queere Kunst unterstützen und feiern!

 

Fragen: Oliver Erdmann