DQ-Lesetipp | Oktober 2023

Das Team der Lesben- und Schwulen-Bibliothek Düsseldorf stellt hier regelmäßig lesenswerte Bücher vor. Diesmal: „Die Tochter“ von Kim Hye-Jin und „Lokis Fesseln“ von Carmilla DeWinter. Viel Freude beim Lesen!

Bild: Lesetipp Oktober 2023
Bild: Buchcover "Die Tochter"
© Hanser Verlag

Die Tochter

Kim Hye-Jin

Hanser Verlag | ISBN 978-3-446-27232-3

 

Der vom Hanser Verlag in Berlin herausgegebene Roman, 171 Seiten, erschien 2022. Kim Hye-Jin, geboren 1983 in Daegu, ist eine koreanische Schriftstellerin. Für ihre Romane wurde sie in Korea vielfach ausgezeichnet. Mit „Die Tochter“ erscheint erstmals ein Roman von ihr auf Deutsch.

 

Die Mutter lebt von ihrem kargen Verdienst als Krankenpflegerin. Obwohl sie sehr sparsam ist, gelingt es ihr kaum das Geld für die Instandsetzungen ihres kleinen, alten Häuschens zusammenzusparen. Und dann ist da auch noch ihre Tochter, die ihr ständig auf der Tasche liegt. Wieso nur geht sie nicht anständig arbeiten? Die Tochter hat doch studiert. Längst könnte sie verheiratet sein und Kinder haben. Die Mutter versteht das nicht. Stattdessen demonstriert die Tochter für die Rechte von irgendwelchen Leuten – auch das setzt der Mutter sehr zu. Aus Geldmangel zieht die Tochter wieder zu ihr in die enge Wohnung, zusammen mit ihrer Freundin. Für die Mutter bricht eine schlimme Zeit an. Warum ist das Mädchen mit eingezogen? Was werden die Nachbarn denken? Gleichzeitig kommt es an ihrem Arbeitsplatz zu Vorkommnissen, die ihr sehr zu schaffen machen. Der Roman aus der Sicht der Mutter erzählt, ist so lebensecht geschrieben, dass ich das Gefühl hatte die Gedanken meiner eigenen Mutter lesen zu können. Kim Hye-Jin lässt die Mutter nie gedanklich den Eigennamen der Tochter benutzen, sondern lässt die Mutter über „die Tochter“ nachdenken, die Freundin ist „das Mädchen“. Allein das zeigt schon den emotionalen Abstand zwischen Mutter und Tochter. Durch die Beschreibung der traditionellen Denkweise der Mutter wird noch dazu die gesellschaftliche Kluft zwischen ihr und ihrer lesbischen Tochter von der Autorin sehr gut dargestellt. Sehr feinfühlig erzählt spiegelt sich der typische Konflikt einer Mutter-Tochter-Beziehung in den Dialogen wider. Die Freundin, „das Mädchen“, unbeeindruckt durch diesen Konflikt, bekommt von Kim Hye-Jin, die Rolle der Vermittlerin und, – für die Mutter – der lesbischen Sichtbarkeit zugewiesen. Mit ihrer Liebenswürdigkeit erreicht sie nicht nur die Mutter, sondern auch die LeserInnen. Die Probleme der Mutter am Arbeitsplatz, die sich durch den Kampf der Mutter gegen unmenschliche Zustände ergeben, sind sehr realistisch dargestellt. Aus dem Kummer und den Sorgen der Mutter wegen ihrer Tochter und den Problemen der Mutter am Arbeitsplatz, entwickeln sich zwei Erzählstränge, die von der Autorin geschickt zusammengeknüpft werden, um am Schluss zu unerwarteten Ereignissen zu führen. Sehr gut ist nachzuvollziehen, wie die Mutter langsam entdeckt, was Homosexualität bedeutet, und dadurch wieder emotionale Nähe zu ihrer Tochter entwickelt. Das Buch ist eine sehr bereichernde Lektüre.

 

Vorgestellt von Chris Mebus

 

Bild: Buchcover "Lokis Fesseln"
© Edition Roter Drache

Lokis Fesseln

Carmilla DeWinter

Edition Roter Drache | ISBN 978-3-96815-034-5

 

Der Klimawandel macht auch vor den alten Göttern nicht halt. Das zumindest erfährt Loki als eines Tages Jörmungand, kurz Jör, alias die Midgardschlange alias eines von Lokis Kindern, Kontakt aufnimmt, nachdem er aus einem Eisberg aufgetaut ist. Und wenn das schon passiert, könnte früher oder später etwas mit einem Runenstein passieren, den Allvater Odin höchstselbst irgendwo in Nordschweden verbuddelt hat und der die Grenze zwischen unserer Welt und dem nordischen Jenseits ist. Eine Zombie-Apokalypse ist wirklich das Letzte, was Loki gerade gebrauchen kann. Gerade hat man sich ans 21. Jahrhundert gewöhnt und genießt die Vorzüge und dann soll es schon wieder vorbei sein? Nach einem kurzen Trip via Pilz zu den Nornen bekommt Loki Kontakt zu der Neo-Heidin Jasna, die über das zweite Gesicht verfügt und von den Schicksalsgöttinnen auserkoren ist zu helfen. Die ist jedoch erst einmal nicht besonders begeistert, als am Tag nach der Beerdigung ihrer Schwester, Loki mit Jör und einem weiteren Kind in Wolfsgestalt, Vali, auf ihrer Türschwelle sitzt. Drei Götter, ein möglicher Weltuntergang und jede Menge nordischer Sagenkram, was kann das Schicksal noch für Jasna bereithalten?

 

Da wären zum Beispiel Lokis zahllose Geheimnisse aus der nordischen Mythologie, die auch nach über 1.000 Jahren noch ungeklärt sind. Oder Lokis erotische Avancen Jasna gegenüber. Oder die Tatsache, dass sich Loki als genderfluid und pansexuell entpuppt, mit der Fähigkeit gesegnet das eigene Geschlecht und Äußere dem jeweiligen Gemütszustand anzupassen. Jasna dagegen ist eine „aroace“, eine aromantisch liebende Asexuelle und reagiert auf Lokis Flirt-Attacken eher verwirrt. Jör dagegen kommentiert dieses ganze „Genderzeugs“ eher abwertend und beleidigend, während Vali eher der schweigsame Typ ist.

 

Dieser Roman ist mit Abstand die queerste Fantasy oder Geschichte, die ich bisher überhaupt gelesen habe. Alles im Bereich von LSBTIQA+ findet irgendwie Erwähnung in Form der ein oder anderen Konstellation rund um Lokis Liebesleben. Nebenbei bekommt man noch eine alternative Deutung der nordischen Sagen rund um die Gottheit Loki präsentiert, die einem häufiger ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert.

 

Dieser Roman ist eines von derzeit acht Büchern aus unserem Bereich Asexualität (ACE-).

 

Vorgestellt von Markus Gickeleiter

 

Die Bücher können bei der LUSBD Lesben- und Schwulen-Bibliothek Düsseldorf kostenlos ausgeliehen werden.

 

Lesben- und Schwulenbibliothek Düsseldorf
im Bürgerhaus Angermund
Graf-Engelbert-Str. 9
40489 Düsseldorf
Geöffnet jeden Sonntag von 15.00 bis 16.30 Uhr

Anmeldung erforderlich

www.lusbd.de

 

DQ – Düsseldorf Queer dankt dem Team der LUSBD für die nette Zusammenarbeit.