Hass und Gewalt gegen queere Menschen ist nahezu täglich ein Thema in den Medien. Abdul M. (38) erlebt sie tagtäglich in seinem Wohnumfeld in Flingern. Von der Düsseldorfer Polizei fühlt er sich im Stich gelassen.

Abdul M. kam vor knapp 13 Jahren nach Deutschland. In seiner Heimat Libyen war er nicht mehr sicher. Mit seiner Familie lebte der damals 26-Jährige in der Millionenmetropole Tripolis, wo er Medizin studierte. Bei einem Date mit einem Mann am Strand der libyschen Hauptstadt wurde er festgenommen. In dem nordafrikanischen Land ist Homosexualität gesellschaftlich tabuisiert, homosexuelle Handlungen sind strafbar und werden mit bis zu 5 Jahren Gefängnis bestraft.
Um der Gefängnisstrafe zu entgehen, blieb ihm nur die Flucht nach Europa. Mit seiner Mutter machte sich Abdul auf den Weg nach Deutschland. Im Oktober 2013 landete er in Frankfurt und kam dann nach Dresden. Seine Mutter ging zurück nach Libyen. Sie und eine Schwester sind die einzigen Kontakte, die Abdul noch zu seiner Familie hat. Der Vater und seine weiteren sieben Geschwister haben den Kontakt mit ihm abgebrochen.
Bis zur Anerkennung seines Asylantrags im Jahr 2016 lebte Abdul in Dresden. Dann kam er nach Düsseldorf, wo er ein Praktikum bei der Diakonie angeboten bekam. 2018 konnte er seine dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft beginnen. Seither arbeitet er in einem Düsseldorfer Krankenhaus. Abdul ist mittlerweile deutscher Staatsangehöriger und lebt zusammen mit einem Cousin in einer Mietswohnung in Flingern.

Hier fühlte sich Abdul zunächst auch sicher. Er hatte einen Freund, mit dem er sich mehrere Jahre lang traf. Es sei eine schöne Beziehung gewesen, wie er sagt, die jedoch geheim gehalten wurde. Sein Freund war Afghane und lebte mit der muslimischen Familie in Mönchengladbach. Diese sollte nichts von der Beziehung zu einem Mann erfahren. Im Oktober 2023 wurde plötzlich alles anders.
Unter einem Vorwand wurde Abdul nach Mönchengladbach gelockt. Dort angekommen hieß es, die Familie seines Freundes wolle einfach nur mit ihm reden. Abdul war sofort klar, dass er Gefahr lief, bedroht oder attackiert zu werden. Er konnte entkommen und fuhr zurück nach Düsseldorf. Am nächsten Tag standen die Brüder seines Freundes vor seiner Wohnung. Abdul rief die Polizei, die jedoch nicht viel ausrichten konnte. Doch seither lebt er in seinem Wohnhaus in Angst.
In dem Mietshaus in Flingern wohnen zahlreiche muslimische Familien. Viele stammen aus der Türkei, Afghanistan oder Albanien. Sie haben mitbekommen, dass ihr Nachbar schwul ist. Seit dem Tag, an dem Abdul die Polizei zum ersten Mal zu Hilfe rief, sieht er sich nun homofeindlichen Angriffen ausgesetzt. Täglich werde er als Schwuchtel beschimpft und bespuckt, erzählt er. Schon öfter sei seine Wohnungstür aufgebrochen worden, und der Gang aus dem Haus – vorbei an dem türkischen Laden im Erdgeschoss – sei ein Spießrutenlauf.
Schon unzählige Male hat Abdul die Polizei gerufen und mehr als zehn Anzeigen erstattet. Doch von den Beamt*innen gebe es keine Unterstützung, sagt Abdul. Sie könnten nichts machen, hieße es oft. Er solle doch besser ausziehen, so der Rat der Polizei. „Doch ich will nicht wieder wegrennen“, sagt Abdul. Er sei aus seinem Heimatland geflohen, weil er dort wegen seiner Homosexualität verfolgt wurde. Hier in Deutschland sollte man doch sicher sein.

Das findet auch Amit Marcus. Er ist Fachberater bei der Aidshilfe Düsseldorf und leitet das Projekt PRADI NRW. In seiner täglichen Beratungspraxis kümmert sich Amit Marcus um schwule und bisexuelle Männer mit Migrationshintergrund und Fluchtgeschichte. Zu ihm kam Abdul und suchte Hilfe. Hier fand er Unterstützung und ein offenes Ohr. Es gab bereits Kontakt zum Opferschutzbeauftragten der Polizei, und als Nächstes will man das Beschwerdemanagement einschalten.
Denn das Verhalten der Polizeibeamt*innen gegenüber Abdul sei nicht korrekt gewesen, so die einhellige Meinung der Berater. Zumal der Ratschlag, lieber wegzuziehen, ein fatales Signal an die Bewohner*innen sei, dass sie queere Nachbar*innen durch Gewalt und Ausgrenzung aus ihrem Haus verdrängen können. Stattdessen hätte man ihm seine Rechte erklären und geeignete Schutzmaßnahmen ergreifen müssen. Denn ohne Frage: Was Abdul tagtäglich in seinem Wohnumfeld widerfährt, geht deutlich über den Tatbestand der Beleidung hinaus. Hass und Gewalt gegen queere Menschen zu bekämpfen, ist von öffentlichem Interesse, hier muss der Staat handeln.
Für Abdul M. ist die Situation mehr als bedrückend. Er fühlt sich allein gelassen und sagt: „Ich fühle mich hier nicht mehr sicher.“ Die ständigen Angriffe hätten ihn „gesundheitlich kaputt gemacht“. Mehrere Monate war er wegen Angst und Depression in ambulanter Behandlung. Dennoch geht er täglich seinem Job nach und will nun auch die Wohnung wechseln. Dass er seine Geschichte publik macht, hat einen Grund: „Ich will nicht, dass anderen das passiert, was mir passiert ist“, sagt Abdul.
Wer Abdul bei der Suche nach einer neuen Wohnung helfen möchte, kann sich an seinen Berater, Amit Marcus, wenden: E-Mail: [email protected] und Telefon 0211 / 770 95 31.
Text: Oliver Erdmann
