Eine unabhängige Studie im Auftrag der Evangelischen Kirche Rheinland dokumentiert Fälle sexualisierter Gewalt im Umfeld der Düsseldorfer Markus-Kirchengemeinde ab den 1970er-Jahren. Täter war der bekannte Pfarrer Hans Georg Wiedemann.

Forschende der Hochschule RheinMain haben am 12. Mai 2026 die Ergebnisse ihrer Studie zu Fällen sexualisierter Gewalt im Umfeld der Evangelischen Markus-Kirchengemeinde Düsseldorf ab den 1970er-Jahren vorgestellt. Im Zentrum steht der bereits verstorbene Pfarrer Hans Georg Wiedemann, der bundesweit als progressive Stimme für die Anerkennung homosexueller Menschen in der Kirche Bekanntheit erlangte. Die Evangelische Kirche hatte die unabhängige wissenschaftliche Studie vor einem Jahr in Auftrag gegeben, um die Fälle umfassend aufarbeiten zu können.
„Die heute vorgestellten Studienergebnisse decken schwerwiegendes institutionelles Versagen unserer Evangelischen Kirche im Rheinland auf und machen deutlich, wie groß die Verantwortung ist, die für uns daraus erwächst. Wir werden diese Studie nun ganz genau lesen und Konsequenzen für unser Handeln ziehen. Das sind wir den Betroffenen schuldig.“ Mit diesen Worten reagiert Antje Menn, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, auf die Ergebnisse des unabhängigen Forschungsprojektes der Hochschule RheinMain.
Anlassgebend für die Studie waren Meldungen zu Fällen sexualisierter Gewalt seit den 1970er-Jahren im Zusammenhang mit dem damaligen Gemeindepfarrer Hans Georg Wiedemann. Landeskirche, Kirchenkreis und Gemeinde haben die Studie gemeinsam finanziert, um die strukturellen Bedingungen und Mechanismen zu identifizieren, die sexualisierte Gewalt ermöglicht und begünstigt haben.
In die Studie, die von Februar 2025 bis Januar 2026 durchgeführt wurde, flossen die Erzählungen von fünf Betroffenen ein sowie der Bericht eines Angehörigen einer betroffenen Person. Ihre Perspektiven standen im Zentrum der Rekonstruktionen. Zudem wurden 15 Zeitzeug*innen interviewt sowie zahlreiche zeitgeschichtliche Dokumente ausgewertet, insbesondere Archivakten von Landeskirche und Kirchenkreis sowie der Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK e.V.).
Die in der Studie dokumentierten Fälle zeigen laut den Forschenden sowohl einmalige sexualisierte Übergriffe als auch langjährige Gewaltverhältnisse und damit einhergehend Formen spirituellen Missbrauchs. Demnach sei es Wiedemann gelungen, körperliche Grenzüberschreitungen und sexualisierte Annäherungen innerhalb bestimmter ideologischer Vorstellungen von „Befreiung“, „Zärtlichkeit“ und „Männerfreundschaft“ zu normalisieren.
Einordnung und Kommentierung der Forschenden
„Unsere Studie zeigt erneut auf, dass sexualisierte Gewalt nicht als isoliertes Fehlverhalten einzelner Personen verstanden werden kann, sondern in spezifische kirchliche, gesellschaftliche und sexualpolitische Kontexte eingebettet ist“, so Prof. Dr. Johanna Sigl, Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain und wissenschaftliche Leiterin der Studie. „Der als Täter Benannte missbrauchte die Autorität, die er durch seine Tätigkeit als Pfarrer und Sexualberater erlangt hatte, um mithilfe seiner ideologischen Vorstellungen einer ‚befreiten Sexualität‘ sexualisierte Grenzüberschreitungen und Gewalt zu normalisieren.“
Prof. Dr. Sebastian Hempel ergänzt: „Die Schilderungen der Betroffenen zeigen, dass im Zuge der öffentlichen Erinnerung an Hans Georg Wiedemann wesentliche Facetten nicht bekannt waren oder aktiv ausgeblendet wurden. Sein Einsatz für die Rechte homosexueller Menschen war offenkundig auch von einem ausgeprägten Machtstreben geleitet, mit dem er sein Umfeld, teils auf sehr subtile Weise, beeinflusste.“ Leidtragende der sexualisierten Gewalt seien insbesondere Menschen in vulnerablen Lebenslagen gewesen, die sich von Wiedemann Hilfe, Rat und Orientierung erhofften und stattdessen sexualisierte Gewalt erfuhren, deren Folgen sie bis heute begleiten.
Reaktionen der Evangelischen Kirche
„Viele Menschen fragen sich, ob wir als Kirche aus solchen Fällen wirklich lernen. Diese Frage ist berechtigt. Denn viel zu oft sind Betroffene nicht gehört worden, sind auf Wegsehen, Nichtglauben und Schweigen gestoßen. Ihnen allen gilt unser Mitgefühl. Als Kirche tragen wir Verantwortung dafür, dass solche Taten durch unsere Strukturen nicht nur nicht verhindert, sondern begünstigt wurden. Das müssen wir so klar benennen. Darum sind unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung und die Perspektive der Betroffenen für unsere Aufarbeitung unabdingbar“, bekräftigt Vizepräses Antje Menn. Menn ist Beauftragte der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland für das Thema Sexualisierte Gewalt.
Heinrich Fucks, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Düsseldorf, ergänzt: „Besonders schwer wiegt, dass die Übergriffe im Kontext seelsorglicher Gespräche stattgefunden haben. Wir haben hier deutlich vor Augen, dass es bei uns vor Ort folgenschwere Versäumnisse gegeben hat – kirchliche Verantwortungswege haben damals nicht ausreichend geschützt.“ Das sei nicht wieder gutzumachen. „Warum sind Reaktion und Hilfe damals ausgeblieben? Was konkret hat die Taten ermöglicht? Nur wenn wir diese Mechanismen erkennen, können wir daraus Konsequenzen für unsere eigenen Prozesse und Schutzmaßnahmen ziehen.“ Viele Menschen hätten Wiedemann als engagierten Pfarrer wahrgenommen und ihm vertraut, umso größer sei das Entsetzen und die Scham über das, was geschehen ist.
Auswertung und öffentliche Information
Die Studie wird nun von den beteiligten kirchlichen Stellen eingehend ausgewertet. Auf dieser Grundlage sollen bestehende Präventionsmaßnahmen weiterentwickelt und gestärkt werden. Seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2021 wurden verbindliche Regelungen zum Umgang mit grenzverletzendem Verhalten und sexualisierter Gewalt kontinuierlich erweitert sowie verpflichtende Schulungen eingeführt, die das Bewusstsein für Nähe und Distanz schärfen. Auch über eine mögliche Folgestudie soll im Zuge der Auswertung entschieden werden. Um Raum für Austausch über die Erkenntnisse der Studie zu schaffen, plant der Evangelische Kirchenkreis Düsseldorf verschiedene Formate, um mit Interessierten zu den Ergebnissen ins Gespräch zu kommen. Die Vertreter*innen von Landeskirche und Kirchenkreis hoffen, dass Betroffene durch die Veröffentlichung und den transparenten Umgang mit den Erkenntnissen der Studie dazu ermutigt werden, sich an die Fachstellen zu wenden.
Die Studie ist abrufbar auf der Website der Universität RheinMain unter:
Quelle: Evangelischer Kirchenkreis Düsseldorf
