Der „Queere Geschichte(n)“-Talk im KAP1 hat gestern gezeigt, was queere Menschen durch ihren persönlichen Einsatz in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben und warum queerer Aktivismus heute genauso wichtig ist wie früher.

Am 29. April 1972 gingen in Münster knapp 200 Menschen auf die Straße, um sich für die Rechte von Schwulen und Lesben in der Bundesrepublik einzusetzen. Es war die erste derartige Demonstration, die aus heutiger Sicht als ein Startschuss für die queere Bewegung gesehen wird. Queerer Aktivismus hat in den zurückliegenden 54 Jahren viel bewegt. Meilensteine sind die Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, oder die Einführung der „Ehe für alle“.
In dem Podiumsgespräch, das „Queere Geschichte(n) Düsseldorf e.V.“ anlässlich der Pride Werks Düsseldorf 2026 veranstaltet hat, sprach Sascha Förster (Institutsleiter Theatermuseum Düsseldorf) mit vier Gästen, die sich auf unterschiedliche Weise für die Belange der queeren Community eingesetzt haben und dies weiterhin tun. Es ging um den Blick zurück, aber auch um aktuelle Herausforderungen und die Zukunft von queerem Aktivismus.

Zu Gast am 20. Mai 2026 im gut besuchten Stadtfenster der Zentralbibliothek im KAP1 waren: Heike Kivelitz (Queers an der Niers e.V.), Betti Tielker (CSD Düsseldorf e.V.), Jana Hansjürgen (blick* – Landesfachstelle zu LSBTIAQ* Strukturen im ländlichen Raum) und Philipp Hagenstein (LSU NRW – Lesben und Schwule in der Union).

Heike Kivelitz kommt aus Mönchengladbach und engagiert sich seit vielen Jahren für die Belange queerer Menschen. Anfang der 1980er-Jahre – mit Anfang zwanzig – hatte sie ihr Coming-out und kam über "Sub-Kneipen" in Mönchengladbach und Düsseldorf in Kontakt zur lesbischen Szene. Auf einer Frauenmesse in Düsseldorf entdeckte sie den Infostand der LAG Lesben in NRW und sprach mit der damaligen Geschäftsführerin Gaby Bischoff. Das sei der Startschuss für ihren Aktivismus gewesen, sagt Heike. Ende der 1990er-Jahre war sie Gründungsmitglied des Lesbenvereins Leslie e.V. in Mönchengladbach, seit dieser Zeit engagierte sie sich auch im Vorstand der LAG Lesben in NRW. Seit einigen Jahren ist Heike Vorstandsmitglied beim Queeren Netzwerk NRW.
In Mönchengladbach hat Heike Kivelitz maßgeblich das Queere Zentrum mit aufgebaut. Zusammen mit anderen Vereinen wurde der Trägerverein „Queers an der Niers e.V.“ gegründet, dessen Vorsitzende sie ist. Mit Unterstützung der Stadt – aber erst nach langwierigen Gesprächen – wurde das Zentrum in der Innenstadt vor ein paar Jahren eröffnet. Kürzlich erst war es Ziel einer Attacke von Rechtsradikalen, die die Fensterscheibe einwarfen und den Eingang mit Hakenkreuzen beschmierten. Die Solidarität der Stadtgesellschaft sei riesig gewesen, zu einer Mahnwache seien 350 Menschen gekommen. „Das macht mir Mut“, sagt Heike. Die queere Community müsse jetzt zusammenstehen und Widerstand leisten. „Wenn wir Angst haben, haben wir schon verloren.“

Betti Tielker ist ebenfalls seit den 1980er-Jahren Aktivistin. Nach ihrem Coming-out mit 16 Jahren engagierte sich die Düsseldorferin zunächst in einem Frauencafé in einem Hinterhof auf der Liebigstraße, wo sich Gleichgesinnte trafen und Partys gefeiert wurden. Nach dem Abi und einem Frankreich-Aufenthalt mit ihrer Freundin wurde sie ehrenamtlich aktiv im Café Rosa Mond (Oberbilker Markt) und im Frauencafé Hexenkessel. Das war etwa Mitte der Achtziger. Sie erledigte Malerarbeiten, Thekendienste und Einkäufe, half bei der Organisation von Veranstaltungen und Ausstellungen. Nach dem Umzug des Café Rosa Mond wollte man ohne städtische Unterstützung auskommen und unabhängig sein. Es wurden Partys organisiert, um von den Einnahmen die Miete bezahlen zu können. Das neue schwul-lesbische Zentrum existierte zehn Jahre in einem Hinterhofgebäude auf der Oberbilker Allee 310. Hier war das Epizentrum der queeren Szene in Düsseldorf. Alles wurde in Eigenregie gemanagt, es gab jeden Tag Programm und Kulturveranstaltungen, hier entstanden die Kulturetten und das SCHLAU-Projekt, später kam noch die Aidshilfe hinzu.
Nach dem Ende des Café Rosa Mond Anfang der 2000er-Jahre machte Betti Tielker mit ihrem Engagement für die queere Community weiter. Nach ersten kommerziellen CSD-Veranstaltungen wurde 2004 der CSD Düsseldorf e.V. gegründet, und Betti war von Anfang im Organisationsteam mit dabei. Viele Jahre organisierte sie die CSD-Demonstrationen. Heute sei der CSD wichtiger denn je, sagt Betti mit Blick auf den Rechtsruck. Queerer Aktivismus ist für sie immer auch antifaschistischer Kampf. Die Community müsse gerade in diesen Zeiten noch enger zusammenrücken. „Wir müssen jetzt aufstehen und laut sein“, sagt Betti.

Jana Hansjürgen war von 2018 bis 2022 Diversity-Beauftragte der Landeshauptstadt Düsseldorf und leitet heute die Landesfachstelle blick*, die LSBTIAQ*-Strukturen im ländlichen Raum im Fokus hat. Jana stammt aus einem Dorf bei Paderborn und war seit ihrer frühen Jugend in der katholischen Gemeinde engagiert. Sie leitete Messdiener-Gruppen, spielte im Musikverein, war mittendrin im gesellschaftlichen Dorfleben. Ihr Coming-out mit 16 Jahren wurde zum Dorfgespräch. Mit ihrer damaligen Freundin wurde sie einmal aus dem Schwimmbad geworfen, weil sie sich geküsst hatten. Sie gingen daraufhin zur Polizei. „Wir fanden es ungerecht, dass andere Pärchen Händchen halten und sich küssen konnte“, sagt Jana, „wir haben uns bewusst entschieden, offen zu sein.“
Nach ihrem Studium – ein Auslandssemester verbrachte sie bei einer LGBTQ-Organisation in Kalifornien – half Jana Hansjürgen bei der Gründung eines queeren Jugendzentrums in Gelsenkirchen, später war sie bei der Gründung des Düsseldorfer Jugendzentrums PULS* an vorderster Front mit dabei. Neun Jahre lang leitete Jana das PULS* auf der Corneliusstraße. Heute macht sie Aufbauarbeit in ihrer alten Heimat. Seit Mai 2022 kümmert sich Jana Hansjürgen um LSBTIAQ*-Strukturen im ländlichen Raum. Sie ist Leiterin der Landesfachstelle blick*, die breitflächig Impulse zu sexueller und geschlechtlicher Identität gibt, Austausch auf diversen Ebenen ermöglicht und Sichtbarkeit schafft. Es werden mögliche Berührungsängste abgebaut, LSBTIAQ*-Strukturen gestärkt oder geschaffen und Regelstrukturen sensibilisiert. Etwa mit einer
RESPECT!-Kampagne, einer Wanderausstellung „Feldwege zum Coming-out“ oder den Coming-Out-Days.

Philipp Hagenstein ist Schatzmeister der LSU NRW. Bis die „Lesben und Schwulen in der Union“ im Jahr 2022 von der CDU als Sonderorganisation anerkannt wurden, musste seit der Gründung im Jahr 1998 fast ein Vierteljahrhundert vergehen. Auch heute noch sei die Mitgliedschaft von queeren Menschen in der CDU nicht „vergnügungssteuerpflichtig“, sagt Philipp. Er stammt aus Kamp-Lintfort, seine Eltern waren Wechselwähler, doch seine politische Heimat war von Beginn an die konservative Union. In seiner Schulzeit habe eine engagierte Politiklehrerin Lust darauf gemacht, sich über den Unterricht hinaus politisch zu engagieren, erzählt er. Philipp war Fan von Angela Merkel und ihrem Kurs einer Mitte-orientierten Union. Er trat der Jungen Union bei und wurde schnell in Vorstandsämter gewählt. 2015 kandidierte er sogar für den Stadtrat in Kamp-Lintfort. Heute arbeitet er im Landtag von NRW für zwei CDU-Abgeordnete.
Sein Coming-out als schwuler Mann hatte Philipp Hagenstein mit 18 Jahren – nach dem Abi, parallel zum Parteieintritt. In der Partei habe sein Schwulsein nie eine Rolle gespielt, berichtet er. Über den inhaltlichen Konflikt mit der konservativen Partei habe er nie nachgedacht. Erst mit dem Beitritt zur LSU entdeckte Philipp queer-politische Themen für sich und findet es nun wichtig, sich für die Belange von queeren Menschen einzusetzen. Als queerer Aktivist bezeichnen würde er sich aber nicht. Das sei mit dem Politikverständnis in einer konservativen Partei nicht vereinbar. Dennoch, er will etwas bewegen – in seiner Partei und in der Gesellschaft. Dass die queeren Aktiven der LSU bei CSD-Demos angefeindet würden, findet Philipp nicht richtig. Schließlich habe deren Engagement auch dazu beigetragen, dass sich die CDU gesellschaftspolitisch bewegt – wenn auch nur langsam.

Im Anschluss an das Podiumsgespräch blieb wieder Raum für Fragen und Anmerkungen des Publikums. Sascha Förster dankte zum Schluss dem Organisator für die gute Vorbereitung der Veranstaltung, und die Besucher*innen spendeten dem Moderator und den Talkgästen großen Applaus.
Der nächste reguläre „Queere Geschichte(n)“-Talk im KAP1 findet statt am 19. August um 18.30 Uhr, dann zum Thema „Queerness und Beruf – gestern & heute“.
Text: Oliver Erdmann
