Zwischen Tradition und Emanzipation

Mit dem Thema „Queerness und Religion – gestern und heute“ ist die Talkreihe „Queere Geschichte(n)“ im KAP1 am 18. Februar ins dritte Jahr gestartet. Sascha Förster und seine Gäste sprachen über persönliche Erfahrungen und den Konflikt zwischen Glauben und Selbstbestimmung.

Eine Podiumsdiskussion zum Thema 'Queere Geschichten' in Düsseldorf mit fünf Teilnehmenden auf der Bühne und Publikum im Vordergrund.
Podiumsgespräch zum Thema "Queerness und Religion – gestern und heute" mit Moderator Dr. Sascha Förster (links) im Stadtfenster im KAP1. // Foto: Oliver Erdmann

Queerness und Religion sind keine Gegensätze – es gibt viele Menschen, die beides leben. Doch wie fühlt es sich an, wenn die Kirche einem sagt, dass es Sünde ist, wie man lebt und wen man liebt oder wer man ist? Wie queere Menschen ihren Glauben leben und erleben, kam in dem Podiumsgespräch am 18. Februar 2026 ausführlich zur Sprache.

 

Der neunte Teil in der Reihe „Queere Geschichte(n)“ im KAP1 stieß wieder auf großes Interesse beim Publikum. Der Verein „Queere Geschichte(n) Düsseldorf e.V.“ veranstaltet die Talkreihe in Kooperation mit dem Amt für Gleichstellung und Antidiskriminierung, der Zentralbibliothek und dem Theatermuseum Düsseldorf. Moderator der Podiumsgespräche ist Dr. Sascha Förster (Institutsleiter TMD).

 

Gesprächsteilnehmer waren diesmal Tamer Düzyol (Kulturaktivist und Lyriker), Dr. Georg Henkel (Katholische Initiative #Out in Church), Tim Lahr (Ev. Pfarrer, Queere Kirche Köln) und Dr. Amit Marcus (Netzwerk PRADI NRW).

 

Zwei lächelnde Männer führen eine moderierte Diskussion auf der Bühne vor einem Banner mit der Aufschrift 'Das Onlineportal für die Regenbogen-Community in der Landeshauptstadt'.
Sascha Förster (links) im Gespräch mit Tamer Düzyol. // Foto: Oliver Erdmann

Tamer Düzyol ist promovierter Geschichtswissenschaftler und arbeitet als Referent im Landtag von NRW. Er bezeichnet sich gerne als Kulturaktivist und Lyriker. Seine Eltern stammen aus der Türkei, er ist muslimisch aufgewachsen, die Familie war aber nie besonderes religiös. Religion ist für ihn heute eher ein Lebensstil. Tamer fastet im Ramadan, trinkt keinen Alkohol und isst kein Schweinefleisch. Mit etwa 30 Jahren hatte Tamer sein schrittweises Coming-out als schwuler Mann, in der Familie sei Sexualität aber nie ein Thema gewesen.

 

Mit queer-muslimischen Perspektiven auf Themen wie Identität, Coming-out, Liebe und Lust hat sich Tamer Düzyol in seinem 2021 erschienenen Lyrikband „Araf Un:::Sichtbar“ beschäftigt. Er versteht das Buch mit Gedichten zahlreicher muslimischer Autor*innen als einen „Schutzraum to go“, denn für queere Muslime gebe es einfach kaum Angebote und Möglichkeiten, sich auszutauschen. Schon in dem Buch „HAYMATLOS“ (2019) versammelte er – zusammen mit seiner Co-Herausgeberin Taudy Pathmanathan – postmigrantische Stimmen, die mit Gedichten über Rassismuserfahrungen, Migrations- und Familiengeschichten und der Sehnsucht nach „Normalität“ erzählen.

 

Zwei Männer im Gespräch auf der Bühne mit Mikrofonen, im Hintergrund ein Banner mit der Aufschrift 'Das Onlineportal für die Regenbogen-Community in der Landeshauptstadt'.
Georg Henkel (rechts) berichtete über sein Leben als queerer Katholik und die Initiative #OutInChurch. Daneben: Tamer Düzyol. // Foto: Oliver Erdmann

Dr. Georg Henkel hat katholische Theologie studiert und zehn Jahre als Religionslehrer an einer Düsseldorfer Gesamtschule gearbeitet. Mit Anfang 20 hatte er sein Coming-out als schwuler Mann. Sein damaliger Seelsorger hat ihn dabei unterstützt, und auch im Studium sei Schwulsein eigentlich kein Problem gewesen. Doch später im Beruf musste er seine sexuelle Identität verstecken. 2016 kündigte er seinen Job im katholischen Schuldienst, um seinen Mann heiraten zu können. Das Paar heiratete evangelisch.

 

Bei der Initiative #OutInChurch war Georg Henkel von Anfang an mit dabei – im Januar 2022 machten 125 Mitarbeitende der katholischen Kirche ihre Homosexualität öffentlich und stellten Forderungen. Viel verändert hat sich seither nicht, lediglich beim Arbeitsrecht musste sich die katholische Kirche reformieren. In seinen weiteren Tätigkeiten bei katholischen Trägern setzte Georg fortan immer wieder queere Akzente. Als Referent beim ASG-Bildungsforum holte er die Wanderausstellung „Verschaff mir Recht – Kriminalisierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender und die katholische Kirche“ nach Düsseldorf, die von Februar bis April 2023 in drei katholischen Kirchen zu sehen war. Seit 2023 ist Georg Henkel Programmreferent beim Maxhaus, dem katholischen Stadthaus in Düsseldorf. Dort wurde auf Initiative des Katholikenrats Düsseldorf im November 2025 die Wanderausstellung „Gut.Katholisch.Queer.“ mit Fotografien von Martin Niekämper gezeigt, der zahlreiche Mitwirkende der Initiative #OutInChurch porträtiert hat.

 

Drei Personen im Gespräch auf bequemen Sesseln, eine Person hält ein Mikrofon und gestikuliert während der Diskussion, im Hintergrund ein Regenbogen-Banner.
Tim Lahr ist evangelischer Pfarrer und Gründer der Queeren Kirche Köln. Daneben: Georg Henkel (links) und Amit Marcus (rechts). // Foto: Oliver Erdmann

Tim Lahr ist evangelischer Pfarrer. Sein Elternhaus war nicht religiös, aber er und sein Bruder wurden getauft und konfirmiert und besuchten Kindergottesdienste. Für seine Eltern sei seine Berufswahl ein größeres Problem gewesen als sein Coming-out als schwuler Mann mit 19 Jahren. Tim studierte evangelische Theologie in Bonn und verbrachte ein Jahr in Rom. Queerness kam in den Seminaren nicht vor, doch ihn interessierten früh die feministischen Themen der Theologin Dorothee Sölle (1929-2003).

 

Der Start seiner Pfarrtätigkeit in Köln fiel auf den ersten Tag des Corona-Lockdowns, weshalb er humorvolle Videos drehte, in denen er sich öffentlich als schwuler Pfarrer präsentierte. Seinem Instagram-Kanal (@amen_aber_sexy) folgen heute mehr als 66.000 Menschen. Vor drei Jahren gründete Tim Lahr die Queere Kirche Köln, die als „Erprobungsraum“ von der Landeskirche Rheinland gefördert wird. Hier finden queere Gottesdienste statt – die vermutlich meistbesuchten evangelischen Gottesdienste in Köln, wie er sagt. Es gibt queere Kirchentreffs und einen queeren Kirchenchor, und es werden queere Partys mit bis zu 600 Leuten veranstaltet.

 

Drei Personen im Gespräch auf der Bühne, eine hält ein Mikrofon, im Hintergrund ein Banner mit Regenbogenfarben und der Aufschrift 'DIE TALKREIHE'.
Amit Marcus (rechts) ist israelischer Jude und Projektleiter des Netzwerks PRADI NRW. Daneben: Tim Lahr und Georg Henkel (links). // Foto: Oliver Erdmann

Dr. Amit Marcus stammt aus Israel und bezeichnet sich als „israelischer Jude“. Seine Familie war nicht sehr religiös, doch es wurde auf die jüdische Tradition geachtet. Amit lebte in Jerusalem und studierte dort Literaturwissenschaften, bis es ihn nach seinem Coming-out mit Mitte 20 nach Tel Aviv zog – insbesondere wegen der Schwulenszene. Zwei Stipendien führten ihn nach Deutschland, und schließlich blieb er hier und studierte erneut, dieses Mal Soziale Arbeit.

 

Amit Marcus ist heute Projektleiter für das Netzwerk PRADI NRW, das sich um queere Migranten und Geflüchtete kümmert. In seiner Beratungspraxis bei der Aidshilfe Düsseldorf spielt das Thema Religion oft eine Rolle, seine Klienten sind zumeist Muslime. Sie gingen ganz unterschiedlich mit dem Konflikt zwischen ihrem Glauben und ihrer sexuellen Orientierung um, weiß Amit zu berichten: Für die einen kann es keine Sünde sein, wenn Gott sie als queerer Mensch geschaffen hat. Für andere ist Homosexualität zwar eine Sünde, aber Gott akzeptiere, dass man nicht perfekt ist. Wieder andere haben viel Scham und Schuldgefühle wegen ihrer sexuellen Identität.

 

Vollbesetzter Veranstaltungsraum mit Publikum, das einer Podiumsdiskussion zum Thema 'Queere Geschichten' folgt, im Hintergrund ein Banner mit Regenbogenfarben.
Vollbesetzter Stadtfenster-Saal beim Talk zu "Queerness und Religion". // Foto: Oliver Erdmann

Im Anschluss an das Podiumsgespräch gab es zahlreiche Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum. Es wurde deutlich, dass es möglich ist, als queerer Mensch in einer Religionsgemeinschaft seinen Glauben zu leben – aber es erfordert oft eine gezielte Suche nach inklusiven Orten und manchmal auch den Mut, sich gegen Widerstände zu behaupten.

 

Beim nächsten queeren Talk im KAP1 am 20. Mai 2026 geht es um das Thema „Queerer Aktivismus – gestern und heute“.

 

Text: Oliver Erdmann