Abdellah Taïa gilt als erster offen schwuler Autor Marokkos. Sein neuer Roman entführt die Leser*innen in eine Welt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Unterdrückung und dem verzweifelten Kampf um Freiheit.

Abdellah Taïas Roman „Die Bastion der Tränen“ ist ein präzise beobachtetes Porträt marokkanischer Gesellschaft zwischen Tradition und Aufbruch. Taïa, 1973 geboren, ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Marokkos. Er lebt seit 1998 in Paris und hat sich 2006 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. In seinem Buch erzählt er von Menschen, die in einem System aus familiären, religiösen und sozialen Zwängen nach Selbstbestimmung suchen. Sein Stil ist klar und direkt, ohne dabei in Klischees zu verfallen.
Der Roman thematisiert vor allem die Spannung zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Norm. Besonders eindrücklich schildert Taïa das Leben eines jungen Mannes, der seine Homosexualität in einer ablehnenden Umgebung verbergen muss. Taïas Sprache ist dabei stets sachlich, aber voller unterschwelliger Intensität. Er zeigt die Widersprüche auf, ohne sie zu bewerten – und lässt so die Leser*innen selbst zu Urteilen kommen.
„Die Bastion der Tränen“ ist kein Buch, das einfache Antworten gibt. Stattdessen regt es zum Nachdenken an: über Identität, Unterdrückung und die kleinen, oft unsichtbaren Akte des Widerstands. Der Orlanda Verlag hat mit dieser Veröffentlichung ein Werk vorgelegt, das sowohl literarisch als auch gesellschaftlich relevant ist. Ein Roman, der durch seine klare Sprache und seine unbestechliche Beobachtungsgabe überzeugt.
Die Bastion der Tränen
Abdellah Taïa
Roman. Aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet.
Orlanda Verlag. Leipzig 2026
Taschenbuch, 188 Seiten
ISBN 978-3-949545-85-6
22 Euro
