Expressive Oper über die Oper

Viel Applaus gab es am vergangenen Samstag bei der Uraufführung von Anno Schreiers neuer Oper „Schade, dass sie eine Hure war“ im Opernhaus Düsseldorf – für ein Werk, das musikalisch und inhaltlich alle Register einer klassischen Oper zieht.

Bild: Jussi Myllys und Lavinia Dames
Giovanni (Jussi Myllys), Annabella (Lavinia Dames). | Foto: Hans Jörg Michel

Der 1979 in Aachen geborene Anno Schreier hat sich als Opernkomponist einen Namen gemacht. Die Deutsche Oper am Rhein nennt ihn gar in einem Atemzug mit Verdi, Wagner und Mozart – zumindest als Marketing-Gag im Rahmen ihres Souvenirangebots. Nach einer ersten Zusammenarbeit in 2012 konnte Schreier nun in Düsseldorf sein neuestes Bühnenwerk uraufführen. „Schade, dass sie eine Hure war“ basiert auf dem gleichnamigen Drama des Shakespeare-Zeitgenossen John Ford, in dem es um eine tragische Inzestbeziehung geht. Laut Pressetext spiegeln sich für den Komponisten in diesem Stoff die Grundmuster der Oper, deren Überhöhungen, Absurditäten und abgrundtiefe Emotionalität er zu einer expressiven Oper über die Oper zusammenfügt. Anno Schreier selbst spricht von einer „Pop-Art-Version der italienischen Oper“.

 

Bild: Lavinia Dames und Jussi Myllys
Annabella (Lavinia Dames), Giovanni (Jussi Myllys). | Foto: Hans Jörg Michel

Giovanni und Annabella sind Geschwister und ein Liebespaar. Ihr Vater will Annabella verheiraten, doch diese weist alle Hochzeitsanwärter zurück. Als die inzestuöse Beziehung in Annabellas Schwangerschaft mündet, drängt sie ein Kirchenmann zur Ehe mit dem von ihrem Vater favorisierten Edelmann Sopranzo. Als der neue Gatte herausfindet, was zwischen Annabella und ihrem Bruder Sache ist, finden am Ende nahezu alle Beteiligten den Tod.

 

Bild: Günes Gürle, Lavinia Dames, Bogdan Talos, Richard Šveda
Florio (Günes Gürle), Annabella (Lavinia Dames), Mönch (Bogdan Talos), Soranzo (Richard Šveda). | Foto: Hans Jörg Michel

David Hermann inszeniert die dramatische Geschichte als unterhaltsame Farce. Auf der wandelbaren Bühne von Jo Schramm sind die Figuren wie eine Art Potpourri verschiedenster Operncharaktere arrangiert. Annabella (Lavinia Dames – großartige Leistung) und Giovanni (Jussi Myllys – leider zu leise) sind kindlich gezeichnet und könnten aus einer Märchenoper stammen; ihr giftiges Liebesnest ist ein großer Fliegenpilz. Wunderbar überzeichnet sind der tuntige Freier Bergetto (Florian Simson), der Bodyguard Vasquez (Sami Luttinen), die quietschbunte Amme Putana (Susan Maclean), der angebliche Arzt Richardetto (David Jerusalem) und seine Nichte Philotis (Paula Iancic) oder der tollpatschige Musketier-Soldat Grimaldi (Sergej Khomov). Gesanglich hervorzuheben sind gewiss Richard Šveda (als Soranzo), Sarah Ferede (als dessen Ex-Geliebte Hippolita) und Bogdan Taloş (als Mönch).

 

Bild: Susan Maclean
Putana (Susan Maclean). | Foto: Hans Jörg Michel

Auch die Musik ist ein Ritt durch die Operngeschichte. Anno Schreier komponiert fast ein Medley aus verschiedensten Musikstilen. Versierte Zuhörer_innen glauben, Versatzstücke aus bekannten Opern und Operetten wiederzuerkennen. Dabei bleibt die Musik stets eingängig und gekonnt arrangiert. Hier und da gibt es sogar Ansätze von Arien, doch diese weiß Schreier stets – ebenso gekonnt – abzuwürgen. Über das Libretto von Kerstin Maria Pöhler lässt sich streiten, aber die hervorragende Leistung der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Lukas Beikircher und des von Patrick Francis Chestnut geleiteten Chores ist unstrittig. Das Premierenpublikum spendet langanhaltenden Applaus.

 

Bild: Bogdan Talos und Lavinia Dames
Mönch (Bogdan Talos), Annabella (Lavinia Dames). | Foto: Hans Jörg Michel

Weitere Aufführungen im Opernhaus Düsseldorf: Sa 23.02. (19.30 Uhr) / Mi 27.02. (19.30 Uhr) / Fr 08.03. (19.30 Uhr) / So 10.03. (15.00 Uhr) / So 17.03. (18.30 Uhr)

Infos: www.operamrhein.de

Text: Oliver Erdmann